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Russland: Sorgerechtsentzug, weil Mutter mit einer Frau zusammenlebt

veröffentlicht um 10.10.2013, 05:43 von Regina Elsner
In der Kleinstadt Reutow im Moskauer Bezirk soll einer Mutter das Sorgerecht für ihre Kind entzogen werden, weil sie mit einer anderen Frau zusammenlebt. Sie ist nicht lesbisch, sondern mietet die Wohnung gemeinsam mit einer Freundin, beide haben ein Kind im gleichen Alter, beide befinden sich im Prozess der Scheidung. Der Mann und Vater des Kindes der 28-jährigen Svetlana Schompolowa sowie ihre Eltern beschuldigen sie eines "amoralischen Lebensstils", auf dieser Grundlage soll das Kind dem Vater zugesprochen werden.
In dem Gutachten des Jugendamtes heißt es: "Das Familienleben beider Seiten ist zerstört durch das Fehlen gemeinsamer Interessen, Lebensziele und gegenseitigem Verständnis. Beide Seiten leben seit Mai 2012 getrennt. Svetlana Schompolowa zog es vor mit ihrer Freundin Irina und deren Tochter zu leben, sie haben einen gemeinsamen Haushalt, diese Tatsache kann sich nicht positiv auf die noch labile Psyche des Kindes auswirken, bei dem sich die Wahrnehmung von Familie als solcher verändert."
Sowohl das Jugendamt als auch der Vater verweigern jeglichen Kommentar der Situation. Svetlana antwortete dem Internetportal cityboom auf Fragen:

Wie wollen ihre Verwandten ihnen Ihr Kind wegnehmen? 

Mein Mann, von dem ich seit 2012 getrennt bin, hat beim Gericht das Sorgerecht für seinen Sohn eingeklagt und beantragt, dass er bei ihm leben soll, bis das Gericht eine Entscheidung trifft. Sein Argument ist mein Amoralisches Verhalten, welches darin besteht, dass ich mit meiner Freundin Irina eine Zweizimmerwohnung miete. Wir haben uns beide vor kurzem von unseren Männern getrennt, sie hat ebenfalls ein Kind. Mein Einkommen reicht nur für die Miete eines Zimmers, darum habe ich entschieden, mit meiner Freundin zusammen zu wohnen. Wir sind nur befreundet, aber mein Mann und meine Eltern, die kategorisch gegen die Trennung waren, entschieden sich, mich vor Gericht und vor dem Jugendamt der Homosexualität zu beschuldigen, damit das Gericht auf ihrer Seite ist. Im Gutachten nennt das Gericht Irina meine Lebenspartnerin und schreibt, dass mein wildes Privatleben der labilen Psyche des Kindes Schaden zufügt. In der Anklage wurde geschrieben, dass ich es vorgezogen habe, mit einer Frau zusammen zu leben und einen Haushalt zu führen. Ich denke nicht, dass mein Mann mich wirklich für lesbisch hält, er möchte mich nur zurück. Er denkt, wenn mir der Sohn, den ich sehr liebe, weggenommen wird, dann bleibt mir nichts anderes übrige als zu ihm zurück zu kehren. Diese Idee, mich der Homosexualität zu beschuldigen, kommt von meinen Eltern. Sie sind sehr konservativ und waren kategorisch gegen die Scheidung, und mein Vater hat damit gedroht: wenn du dich scheiden lässt sagen wir, dass du lesbisch bist und nehmen den Sohn weg. Meine Worte, dass ich meinen Mann nicht mehr liebe und mit ihm nicht leben will, waren ihnen egal.

Welche Rolle spielt das Jugendamt von Reutow in der Sache?

Sie haben ein Gutachten geschrieben, in dem sie empfehlen, dass mein Sohn bei meinem Mann leben soll. Sie begründen dass mit der Tatsache, dass ich mit einer Frau zusammenlebe und das die "Wahrnehmung von Familie verändert". Mein Jurist sagt, dass das Gericht normalerweise dem Gutachten folgt und das Kind meinem Mann zugesprochen wird, obwohl in den meisten Scheidungsfällen das Kind bei der Mutter bleibt. Man beschuldigt mich der Homosexualität, weil es sonst nichts gibt, woran sie sich festhalten könnten. Ich habe eine gute Arbeit, das Kind lebt in normalen Bedingungen, was das Jugendamt selbst ausdrücklich schreibt, ich habe eine gesunde Lebensweise, bin sozial integriert. Das einzige, was sie mir vorwerfen konnten war das gemeinsame Leben mit einer Frau. Mein Mann hat sogar der Klassenlehrerin meines Sohnes gesagt, dass ich lesbisch sei, sie hat es allerdings nicht geglaubt.

Was denken Sie, hat die Informationskampagne gegen Homosexuelle Einfluss gehabt auf das Gutachten des Jugendamtes?

Teilweise ja. Sie haben das Gesetz gegen Propaganda von Homosexualität verabschiedet, jetzt diskutieren sie das Gesetz über den möglichen Entzug des Sorgerechts von Eltern nichttraditioneller sexueller Orientierung. Außerdem hat meine Mutter Kontakte zum Jugendamt in Reutowa, das hat sicher auch auf die Entscheidung eingewirkt. Meine Eltern wollen mich mit allen Mitteln zu meinem Mann zurückbringen. Ende August hat mein Mann unseren Sohn mitgenommen und sich dann geweigert, ihn mir zu geben, dann haben ihn meine Eltern genommen und wollten ihn mir nicht geben. Wir haben ihn mit großer Mühe von da rausgeholt, mein Vater ist mit Fäusten auf die Juristin losgegangen, hat sie "aggressive Lesbe" beschimpft, seiner Meinung vertreten wir alle - ich, meine Freundin, die Juristin - die homosexuelle Lobby. Ich weiß nicht, ob meine Eltern das wirklich glauben oder ob es eine Möglichkeit ist, auf mich Druck auszuüben und mich und mein Leben zu kontrollieren.

Mit wem möchte Ihr Sohn leben?

Er hat mehrfach meinem Mann, meinen Eltern und mir gesagt, dass er bei mir leben möchte.

Übersetzung: Quarteera e.V.
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