news‎ > ‎

Russische Politiker und Sportler: "Niemand wird diskriminiert, solange nichts propagiert wird"

veröffentlicht um 15.08.2013, 11:22 von Regina Elsner   [ aktualisiert: 15.08.2013, 23:04 ]
Der stellvertretende Vorsitzende des Kultur-Komitees des russischen Parlaments Iosif Kobzon hat sich empört über die Boykott-Aufrufe und einen Vergleich mit der Diskriminierung von Juden in Deutschland in den 1930er Jahren geäußert: "All diese Reden über eine Absage der Olympischen Spiele, erst recht die Versuche, das Gedenken an den Genozid an den Juden durch Hitler zu instrumentalisieren - das ist mörderisch," sagte der Sänger und Abgeordnete. "Ich denke, sobald das Parlament im September wieder tagt werden wir zu diesem Thema zurückkehren und niemandem erlauben, die gesellschaftliche Bedeutung der Olympischen spiele herabzusetzen. Das, wozu z.B. Fry aufruft, unterliegt keiner Logik. Man muss gegen Drogensucht kämpfen, mit 
Pädophilie, Alkoholismus, Verbreitung von Pornographie, und auch gegen die Propaganda von Homosexualität unter Minderjährigen, kämpfen mit der ganzen Welt. Genau darum geht es unseren Gesetzen, wobei unsere Gesetze nicht besonders grausam sind."

Der Vorsitzende des Nationalen Olympischen Komitees und stellvertretende Vorsitzende des russischen Parlaments Alexander Zhukov erklärte vor der Presse: "Wenn ein Mensch seine Vorstellungen nicht im Beisein von Kindern aufdrängt, dann können keine Maßnahmen gegen ihn angewendet werden," und unterstreicht damit die offizielle Äußerung der russischen Regierung. "Das Olympische Komitee Russlands, die Regierung der Russischen Föderation und das Organisationskomitee der Olympischen Spiele in Sochi 2014 garantieren die Durchführung der Olympiade ohne Diskriminierung von Sportlern, offiziellen Personen, Fans und Press-Vertretern aufgrund von Rasse, Religion, politischer, gender oder sonstiger Zugehörigkeit, was der Politik der olympischen Bewegung vollkommen entspricht." Ähnlich hatte sich zuvor der Vize-Premier Dmitrij Kozak geäußert: es gäbe weder vor, noch während oder nach der Olympiade eine Diskriminierung von sexuellen Minderheiten, Schwule und Lesben könnten beruhigt nach Russland kommen, die Hauptsache sei "dass die Kinder nicht angerührt werden."

Der Menschenrechtsbeauftragte der russischen Regierung Vladimir Lukin nannte die Parallelen mit Deutschland unter Hitler eine "fürchterliche Ignoranz". Die Frage der "Homopropaganda" nannte er diskussionswürdig. "Diese Leute sind genau so, wie alle anderen Menschen, haben die gleichen Bürgerrechte," erklärte Lukin und ergänzte, dass man in seiner Einrichtung bereit ist, sofort auf jeden Versuch, die Menschenrechte aufgrund der sexuellen Orientierung oder Genderidentität zu beschränken, zu reagieren. Er rief schwule und lesbische Teilnehmer_innen und Gäste Russlands auf, sich an den Menschenrechtsbeauftragten zu wenden, sobald sie sich diskriminiert fühlen. "Wir kümmern uns um die Verletzter dieser Rechte," sagte Lukin, bisher habe man aber sehr wenige solcher Signale bekommen.
"Die Leute, die jetzt sagen, dass die Situation von Minderheiten, die mit LGBT abgekürzt werden, an Deutschland in den 1930er Jahren erinnert - das ist entweder einer furchtbare Ignoranz, weil ich als Historiker weiß gut, was damals war, oder es ist furchtbare Voreingenommenheit."

Das Innenministerium Russlands hat unterdessen offiziell erklärt, wer mit Folgen des Gesetzes zum Verbot der "Propaganda nichttraditioneller sexueller Beziehungen" im Rahmen der Olympiade zu rechnen habe. "Unter das Gesetz fallen Personen, die das Ziel haben, Minderjährige zu nichttraditionellem sexuellen Verhalten zu verlocken. Personen, die entsprechende Handlungen vollziehen, werden durch die Ordnungshüter nach der russischen Gesetzgebung bestraft werden," heißt es in einer Erklärung auf der Homepage des Ministeriums. Das ist allem Anschein nach die Erklärung, welche das IOC von der russischen Regierung erbeten hatte. Weiter heißt es "Im Bezug auf alle Personen, welche eine nichttraditionelle sexuelle Orientierung haben, keine entsprechenden Handlungen vollziehen, keinerlei Provokationen durchführen und mit allen friedlich an den Veranstaltungen der Olympiade teilnehmen, können bei den Ordnungshütern keine Fragen hervorrufen. Auf diese Weise sind alle Überlegungen im Bezug auf die Verletzung von Rechten von Vertretern nichttraditioneller sexueller Orientierung, die Verhinderung ihrer Teilnahme an den Olympischen Spielen, die Diskriminierung von Sportlern und Gästen der Olympiade aufgrund ihrer sexuellen Orientierung absolut grundlos und erdacht. Wir betrachten diese ausschließlich als Versuch, das Vertrauen in die bevorstehende Olympiade in Sochi zu zerstören."
Das Außenministerium hatte zuvor gewarnt, die Olympischen zu politisieren - dies widerspreche dem olympischen Geist. Fragen der LGBT-Menschenrechte seien kein Thema der internationalen Beziehungen Russlands.

Die Sportlerin und zweifache Olympia-Siegerin im Stabhochsprung Jelena Issinbajewa hatte die Sportler und Gäste der Olympiade aufgefordert, die Gesetze des Gastgeberlands zu achten: "Die Propaganda von nichttraditionellen Beziehungen wäre eine große Missachtung unseren Bürgern, unserem Land und seinen Gesetzen gegenüber. Jeder, der zu den Spielen kommt, muss unsere Gesetze achten, so, wie wir es in anderen Ländern tun. Historisch gab es in unserem Land keine Probleme mit der Verbreitung gleichgeschlechtlicher Beziehungen, und ich denke, die wird es auch in Zukunft nicht geben. Wir, Bürger Russlands, achten unsere Gesetze und verletzten dabei nicht die Rechte anderer Menschen." Im Interview mit der BBC sagte sie: "Wie sind Russen. Wir unterscheiden uns vielleicht von Europäern. Aber wir haben unsere Regeln, die geachtet werden müssen von denen, die hier her kommen. Bei uns treffen sich Jungs mit Mädchen, und Mädchen mit Jungs. Das kommt aus der Geschichte unseres Landes." Issinbajewa ist Botschafterin der Olympischen Spiele für Russland - dieser Status sollte ihr nach Meinung amerikanischer Kollegen nun aberkannt werden.

Und der ehemalige Boxer Nikolaj Valuev, Abgeordneter des russischen Parlaments für die Regierungspartei, kommentierte die Boykottaufrufe: "Ich verstehe nicht, was sie (die Homosexuellen) wollen? Es verbietet ihnen niemand, zu leben und zu machen, was sie wollen. Homosexualität ist nicht strafbar wie in der Sowjetunion. Und das jetzige Gesetz ist vor allem darauf ausgerichtet, dass niemand öffentlich seine sexuellen Vorlieben verbreitet." "Das Gesetz steht höher als jedes Olympische Komitee, darum werden Rechtsverletzungen nach dem Gesetz geahndet werden."



Übersetzung: Quarteera e.V.
Comments