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Petersburger Aktivist über Homophobie und warum er trotzdem in Russland bleiben will

veröffentlicht um 26.08.2013, 00:45 von Regina Elsner   [ aktualisiert: 26.08.2013, 00:46 ]

Kirill Kalugin, Student der Petersburger Staatlichen Universität, ist berühmt geworden durch seine Mahnwache auf dem Schlossplatz in Petersburg am Tag der Fallschirmjäger - mit einer Regenbogenfahne mit der Aufschrift "Das ist Propaganda von Toleranz" stand er zwischen den angetrunkenen Soldaten und Reservisten, die ihn in kürzester Zeit anpöbelten und mit Gewalt drohten. Die Polizei schützte ihn und wurde selbst in eine Prügelei verwickelt.

Journalisten des russischen Nachrichtenportals "RosBalt" haben den jungen Mann interviewt:


— Warum haben Sie diese Aktion durchgeführt? Hatten Sie keine Angst?

— Es war beängstigend. Wir wollten eigentlich zu viert zu der Aktion gehen, aber dann lief es so, ich war allein. Wenn wir mehr gewesen wären, hätte die Polizei gegen uns vorgehen können als "unerlaubte Demonstration", so war es eine Mahnwache, die muss man nicht anmelden. Ich hatte die Fahne gerade erst ausgerollt, da wurde ich auch schon von Leuten in Seemannshemden umringt. Aber ich glaube nicht, dass das Fallschirmjäger waren - ich habe einige von ihnen schon früher bei Aktionen gegen LGBT-Rechte gesehen. Ich denke, das waren Aktivisten der nationalistischen Bewegung. Aus dem Gemenge zogen mich die Polizisten raus, setzten mich in ein Auto, aber wir konnten nicht gleich fahren, weil die Meute das Auto umringte und fordert, mich herauszugeben. Dann haben die Spezialeinheiten eingegriffen, die Straße wurde frei gegeben und ich wurde auf die Polizeiwache gebracht.

— Was hat man Ihnen bei der Polizei vorgeworfen, wie wurden Sie bestraft?

— Ich habe das selbst nicht ganz verstanden. Am Anfang durfte ich nicht telefonieren, die Mitarbeiter waren ziemich grob, und ich konnte nicht klären, mit welchem Status ich mich da befand - verhaftet, festgenommen, verdächtigt. Einige der ebenfalls verhafteten Fallschirmjäger, die auch dort war, stürzten sich auf mich, wollten mich verprügeln, aber die Polizisten hielten sie zurück. Dann kamen die Vorgesetzten und alles veränderte sich - sie redeten auf einmal freundlich mit mir. Es wurde klar, dass ich nicht angeklagt war. Sie haben sogar meine Anzeige gegen die Prügler angenommen. Wie das ganze ausging, weiß ich auch nicht, seit dem sind mehr als 20 Tage vergangen, und ich habe von der Polizei keine Mitteilung mehr bekommen.


— Nach dieser Aktion haben einige orthodoxe Patrioten Briefe an die Leitung der Petersburger Staatlichen Universität geschrieben und gefordert, Sie zu exmatrikulieren.

— Ich studiere an der Physik-Fakultät, in der Fachrichtung medizinische Physik, Bio-Ingenuerswesen. Eine schwierige Fakultät, ich muss viel lernen. Dem Dekanat ist wichtig, dass die Studenten alle Prüfungen rechtzeitig ablegen, das persönliche Leben der Studenten ist den Vorgesetzten egal. Überhaupt ist es in der wissenschaftlichen Welt nicht üblich, den Menschen zu erklären, wie sie sich verhalten sollen im intimen Bereich. Deshalb bin ich mir sicher, dass diese Petitionen sinnlos sind.

— Ihre Familie hat sicher im Fernsehen oder im Internet gesehen, dass Sie auf dem Schlossplatz waren. Gab es eine Reaktion?

— Ich komme aus einer gewöhnlichen russischen Familie aus Krasnoturinsk im Ural. Mein Vater ist Offizier der russischen Armee, meine Mutter Philologin. Nach der Krise 2008 wurde das Leben in unserer kleinen Stadt sehr schwer und wir zogen nach Petersburg um, wo ich die Schule abschloss, zur Universität ging und von zu Hause auszog. Erst danach habe ich meinen Eltern erzählt, dass ich schwul bin. Die Eltern waren sehr betroffen, vor allem mein Vater, aber sie anerkennen mein Recht, so zu leben, wie ich es für richtig halte. Mein Bruder hat auch gesagt, dass das meine Wahl ist. Als ich auf den Schlossplatz ging, erfuhren sie davon durch die Medien, sie riefen mich an, machten sich natürlich Sorgen. Aber ich konnte sie überzeugen, dass mir nichts droht.

— Wir oft wurden Sie in Petersburg schon verprügelt, weil Sie schwul sind?

— Noch nie, wenn man die Aktion auf dem Schlossplatz ausnimmt. Meinen Mitstudenten und meine Kollegen in dem Restaurant, in dem ich jobbe, ist es egal, was ich im Bett mache. Natürlich könnte man mich nach dieser Aktion auf der Straße erkennen und schlagen, aber bisher ist das noch nicht passiert.

— Im Internet kann man in tausenden Kommentaren lesen, dass Sie die Akton durchgeführt haben, um nun aus dem Land ausreisen zu können als Flüchtling, weil Sie diskriminiert wurden.

— Ich habe nicht vor, aus Russland auszureisen. Ich bin mir sicher, dass all diese homophoben Gesetze früher oder später wieder annulliert werden, und dass alle Bürger des Landes unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung normal leben können. Vor 30 Jahren gab es in Schweden auch solche Gesetze, und überall auf der Welt wurden Schwule verfolgt, so wie jetzt in Russland. Aber dann änderte sich die Situation. Ich bin mir sicher, dass Russland auch auf diesem Weg ist und plane deswegen nicht, auszureisen. Aber Veränderungen kommen nicht von selbst - wir müssen auf die Straße gehen, laut über die Probleme sprechen.

— Warum treten Sie alleine auf? In Russland gibt es jede Menge Organisationen, die sich für die Rechte von LGBT einsetzen. Enige bekommen ausländische Förderung. Sie könnten auch Geld für den Kampf um Gleichberechtigung bekommen.

— Das will ich nicht. Mir wurde schon vorgeschlagen, in verschiedenen Organisationen mitzumachen, aber ich will nicht. Ich bin kein Politiker, ich möchte nur, dass Menschen wie ich nicht diskriminiert werden. Außerdem können Organisationen durch den Staat leichter bestraft werden, als ein einzelner Menschen. Organisationen sind angreifbar. Aber was sollen sie mit mir, einem einfachen Jungen, machen?

— Sie wissen, dass Sie nach der Universiät in einem Beruf arbeiten werden, der schlecht bezahlt ist und kaum Perspektive hat. Das wäre ein zweiter Grund, um das Land zu verlassen.

— 
Ich werde dennoch nicht ausreisen. Ich weiß, wie die Lage der russischen Wissenschaft ist, aber ich will nicht ausreisen. Es ibt schließlich auch Stipendien, die an Wissenschaftler in wichtigen Forschungsgebieten vergeben werden. Russland ändert sich zum Besseren, und auch in der Wissenschaft verbessert sich vieles.

— Sie haben die Möglichkeit, sich an die tausenden Leser von RosBaldt zu wenden - was möcten Sie den Menschen sagen?

— Ich würde mich an die Menschen wenden, die so sind wie ich. Sitztz nicht still herum. Vollzieht wenigstens Eurer Coming-Out. Lasst Eure nächsten Menschen wissen, dass es Euch gbt.

— Warum können Sie nicht still leben, sich nicht hervortun? Warum denken Sie sich öffnentliche Aktionen aus, in deren Verlauf Sie verprügelt oder sogar getätet werden könnten? Das hat doch keinen praktischen Sinn?

— Kann ich ein Zitat von Goethe anbringen: "Nur der ist des Lebens und der Freiheit würdig, der jeden Tag dafür kämpft."

— Wie alt sind Sie?

— 21.


Übersetzung: Quarteera e.V.
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