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„Guten Tag. Ich bin der Sohn einer Lesbe“

veröffentlicht um 18.12.2013, 11:45 von QUARTEERA.DE // QUEER auf Russisch   [ aktualisiert 18.12.2013, 11:56 von Regina Elsner ]
Interviews des Internetportals "Colta.ru"

Dmitrij Pašinskij sprach mit drei jungen Menschen, die in schwulen und lesbischen Familien aufwuchsen. 

Autor: Dmitrij Pašinskij
Übersetzung: Robert Leichsenring

Anton

Anton wurde in einer von Großbetrieben umschlossenen Industriestadt im nördlichen Ural geboren. Er selbst nennt seinen Heimat eine „seelenlose Stadt“. Die einzigen Sehenswürdigkeiten sind das Panzermuseum und die Kirche, die einst auf Kosten der örtlichen kriminellen Autoritäten errichtet wurde. Sie liegen heute längst unter der Erde.

Schon seit frühester Jugend versuchte Anton hier wegzukommen und der Wahl zwischen schuften oder saufen zu entfliehen. Eine Möglichkeit zur Flucht bot ihm der Sport. Mit dem Eishockey verband Anton alle Träume und Hoffnungen. Doch vor kurzem war Anton gezwungen das Team zu verlassen. Der einzige Grund dafür: sein Vater ist schwul.

Hast Du lange vor allen verheimlicht, dass Du zwei Väter hast?

Anton: Ich hatte nie „zwei Väter“. Vadim ist einfach ein Kumpel, mit dem ich „FIFA“ zocke. Er schläft mit meinem Vater.

Und wie alt ist dieser Kumpel

Anton: So vierzig schätze ich. Wie mein Vater.

Wohnt ihr zusammen?

Anton: Früher schon. Jetzt wohne ich mit meiner Freundin zusammen.

Weiß sie von deinem Vater? (Anton überhört die Frage. Er schaut auf den Flachbildschirm hinter meinem Rücken. Wir sitzen in einer unscheinbaren Kneipe.)

Anton: Was? Ja...

Wer spielt?

Anton: „Traktor“ gegen „Ak Bars“. Wiederholung.

Wie hat dein Team alles erfahren?

Anton: Hab' mich selbst verquatscht. Wir haben bei einem Treffen einen Film geschaut, in dem sich zwei Männer geküsst haben. Einer von den Jungs meinte dann so was wie „Schwuchteln. Die muss man alle abknallen“.

Und du?

Anton: „Weswegen“, sag ich, „sollte man sie umbringen?“ Was interessiert dich, wer sich womit im Bett beschäftigt? … So gab ein Wort das andere und wir haben uns geprügelt. Als sie dann los sind, das Blut abzuwaschen, fragt mich einer: „Warum verteidigst Du die Schwuchteln?“ - „Mein Vater ist einer von denen“. Ich wusste, dass ich mich selbst reinreite. Der Vater von Svyatoslav hat in den 90ern mit Heroin gedealt und die ganze Stadt weiß davon. Aber er wird doch deswegen nicht für einen Dealer gehalten!

Und wo ist sein Vater jetzt. Im Gefängnis?

Anton: Der ist diesen Sommer ins Kloster gegangen. Wir haben da eines speziell für Unheilbare. Er malt dort Ikonen, angeblich sogar sehr gut. Ich habe sogar eine Bekannte gebeten, mit zu den Spielen und zum Training zu kommen und so zu tun, als ob wir zusammen wären.

Wozu?

Anton: Damit die anderen mich nicht für 'ne Schwuchtel halten, oder 'nen AIDS-Kranken und für was weiß ich. Aber sowohl Kloppereien als auch Gespräche haben nicht geholfen.

Hielt die Hetze lange an?

Anton: Ein halbes Jahr ungefähr. Es war nicht wirklich Hetze... Ich war einfach....

Ein Ausgestoßener?

Anton: Ja, so ungefähr. Ein Aussätziger. Zum Training kam ich früher und ging später, um nur nicht mit der Mannschaft zusammenzustoßen, um in der Dusche nicht die dämlichen Witze über die runter gefallene Seife hören zu müssen. Die kamen ständig. Vor allem vor den Spielen. Wir sitzen in der Umkleide, eine halbe Stunde vor dem Spiel. „Sind deine beiden Lutscher zum Anfeuern da? Hä, Anton?“ Ich hab' ihm eine mit dem Schläger direkt in die Fresse gehauen. Wenn die anderen mich nicht weggezogen hätten, ich glaub', ich hätte ihn umgebracht. Weißt Du, es wäre komisch gewesen, wenn ich geschwiegen hätte.

Haben sie dich danach nicht rausgeschmissen?

Anton: Nein. Die haben mich in die Reserve geschoben, meinen Hintern auf der Bank platt sitzen. Da habe ich an Form verloren, wurde zum Sack auf dem Eis.

Und dein Trainer? Hätte der sich nicht einmischen, dir helfen können?

Anton: Was hat er schon damit zu tun? Der hat für alles nur eine Antwort - „sei fähig, dich im Team zu positionieren“. Jetzt kannst Du mich ja gleich noch fragen, warum ich mich nicht bei meinen Eltern beschwert habe. Obwohl, mein Vater wollte ihn unbedingt zur Rede stellen. Das wäre komisch geworden.

Wieso das?

Anton: Die hätten ihm gesagt, er soll sich verpissen. Du hast unsere Jungs noch nicht gesehen. Was hätte er denen denn sagen sollen? Kurz nach dem Vorfall hatten wir ein Auswärtsspiel, da hätten die sich spätestens gerächt.

Hätten sie dich zusammengeschlagen?

Anton: Nicht direkt natürlich. Bei uns wird man folgendermaßen bestraft: Man wird mit voller Wucht gegen die Bande gedonnert oder bekommt mit ganzem Schwung den Schläger an die Beine. Hauptsache, es sieht nach Spielverlauf aus. Kurz gesagt, ich konnte da einfach nicht mitfahren. Man hätte mich danach raustragen müssen. Da hab ich auf krank gemacht und bin zum Artzt gegangen. „Pavel Ivanovič, meine Knie streiken. Gib mir frei.“. Er schaut mich an. „Kerngesund du Drückeberger. Pack deine Tasche.“ Da entschied ich nachzuhelfen. Ich habe die Schlittschuhe angezogen aber nicht zugebunden und dann bin ich so lange gefahren, bis ich mir den Knöchel verstaucht habe.

Hat das sehr weh getan?

Anton: Eine ganz normale Verstauchung. So etwas bringst du von jedem Spiel mit und achtest sonst nicht einmal darauf. So etwas nennt sich Fraktur des Fußwurzelknochens. Für die komplette Heilung wären Jahre draufgegangen und ich bin ja vom Alter her schon Veteran. Faktisch 22 Jahre, amtlich 20. Die schreiben oft andere Geburtsdaten, damit wir länger spielen können. Das ist nicht nur bei uns so. Das ist völlig normal im Profisport.

Und es gab wirklich keinen anderen Ausweg?

Anton: Du hast recht, es ist ziemlich blöd gelaufen. Doch weißt du, eigentlich bin ich sogar froh. Es war nicht sicher, dass die mich noch ein Jahr dort behalten hätten. So bin ich nicht als Memme ausgestiegen, sondern wegen einer Verletzung.

Und was machst Du jetzt?

Anton: Ich arbeite als Trainer für Kinder. Ich bin umgezogen.

Hierher nach Moskau?

Anton: Nein, ich bin ich nur auf der Durchreise. Nach Ekaterinburg.

Bist Du auf deinen Vater wütend?

Anton: Ich habe mich schon lange damit abgefunden. Früher war ich wie die meisten.

Wie alt warst Du, als deine Eltern sich scheiden ließen?

Anton: 14.

Viel deiner Mutter die Scheidung schwer?

Anton: Sehr sogar. Nicht sosehr die Scheidung, sondern der Betrug. Unsere Stadt ist klein, vor den Bekannten kann man nichts verstecken. Die Leute fragten sich, was ist das für eine Frau, vor der ein Mann zu einem anderen Man flieht? Dabei war Vater immer schon schwul. Er hat es nur versteckt. Er war mit ihr zusammen um ein Kind zu haben. Er wollte unbedingt einen Sohn. Das hat meine Mutter in den Alkohol getrieben. Mehrmals wurde sie in einer Klinik behandelt, alles ohne Erfolg. Vater hat mich dann zu sich geholt. Da lebte er schon mehrere Jahre mit Vadim, den er im Internet kennengelernt hatte.

Hat Vadim Kinder?

Anton: Ja, eine Tochter.

Hast du zu ihr Kontakt?

Anton: Nee. Die ist total abgefuckt und voll auf Tabletten. Ich hab sie nur ein paarmal gesehen.

Was hast Du gefühlt, als du von der Homosexualität deines Vaters erfuhrst?

Anton: Am Anfang habe ich mich geschämt und war abgestoßen. Ich hatte sogar Angst, darüber nachzudenken. Erst recht, es irgendwem zu erzählen. Auf dem Hof habe ich erzählt, mein Vater lebt mit seinem Bruder zusammen. In der Schule habe ich geschwiegen. Wir haben uns oft gestritten. Ich dachte, das sei eine Krankheit.

Habt ihr über dieses Thema gesprochen.

Anton: Nee, wir lebten einfach weiter. Ich denke, mit dem Alter änderte sich meine Einstellung. Vater ist ein sehr verschlossener Mensch. Das ist ja auch logisch. Er hat sich selbst lange vreachtet. Von Vadim hat er sich mehr als einmal getrennt.

Wegen Dir?

Anton: Kann schon sein. Aber wenn Vadim weg ist ändert sich ja nichts, außer dass Vater dann traurig rumläuft. Ich habe ihn immer geliebt. Ich nehme in so wie er ist. Man kann es eh nicht ändern.

Danila

Danila erwartet mich auf dem Gogol-Boulevard, direkt am Denkmal für den Schriftsteller. Eines Tages fiel seiner Literaturlehrerin das Buch „Das sexuelle Labyrinth Nikolaj Gogols“ in die Hände. Darin besteht der Autor auf der Annahme, Gogol sie schwul gewesen und verweist dazu auf die zweideutigen Beziehungen zwischen den männlichen Figuren in dessen Büchern. Daraufhin verbot die Lehrerin ihren Schülern das Lesen des Klassikers.

Danila ist 24 Jahre alt. Er wuchs in einer typischen Moskauer Mittelschicht-Familie auf, mit Plänen für den Sommerurlaub und Hypothekenschulden. Sein Vater Unternehmer, seine Mutter in der Werbebranche. Er selbst absolviert, genau wie seine Schwester Kristina, ein Aufbaustudium in Wirtschaft.

Einen großen Teil seines Lebens hat Danila mit Büchern verbracht. Während die Gleichaltrigen auf dem Hof Fußball spielten, verschlang er Sciencefiction. Es kam vor, dass seine Eltern Lehrer und Klassenkameraden anriefen, weil ihr Sohn noch immer nicht aus der Schule zurückgekehrt war. Dabei saß er schon seit drei Stunden in seinem Zimmer und überquerte Flüsse auf dem Mars oder entdeckte als Teil einer kosmischen Landungstruppe neue Galaxien.

Wie alt warst Du, als du von der sexuellen Orientierung deiner Mutter erfuhrst? 

Danila: Ich war 12.

Wie kam es dazu?

Danila: Es war früh morgens. Ich bin ohne anzuklopfen in ihr Schlafzimmer und sah, dass sie dort nicht allein war. Sie hatte ein Mädchen bei sich. Mama, ihre Gedanken ordnend, wollte wohl so etwas wie ein Coming-out vor mir vollführen. Ich hatte allerdings schon verstanden. Peinlich berührt bin ich sofort abgehauen.

Hast du dir Sorgen gemacht?

Danila: Ach nein. Es ist ja ihre Entscheidung. Ich hatte schon lange bemerkt, dass Mama sich mit jemandem trifft. Die nächtlichen Telefonate und SMS, ihr abendliches Verschwinden. Und dann stellt sich heraus, dass nicht alle ihre Freundinnen einfach nur Freundinnen waren.

Hast Du mit deinem Vater darüber gesprochen?

Danila: Nein, niemals. Obwohl ich glaube, dass er es ahnte.

Und du warst wirklich erst 12? Das ist eine ziemlich erwachsene Denkweise.

Danila: Ja klar. Meine Eltern standen sowieso schon kurz vor der Scheidung. Sie schliefen in unterschiedlichen Zimmern, spielten für uns aber heile Familie.

Wann haben sie sich scheiden lassen?

Danila: Ungefähr ein Jahr später. Wir lebten dann nach dem amerikanischen Modell – einige Tage bei Mama und einige bei Papa. Den Sonntag versuchten wir immer zusammen zu verbringen. Als Kristina und ich älter wurden, hatten wir unsere eigenen Pläne und die Tradition verlor sich. In meinem Leben hat sich nichts geändert, nur weil Mama mit einer Frau zusammen ist,

Und für deinen Vater?

Danila: Für ihn war die Scheidung schwer zu verkraften. Er ist bis heute allein geblieben.

Wissen deine Freunde von deinen familiären Umständen?

Danila: Enge Freunde wissen Bescheid.

Hattest Du deswegen nie Probleme?

Danila: Wirklich ernsthafte nicht. Letztlich bin ja nicht ich schwul, sondern meine Mutter lesbisch. Mit Homophobie werde ich sowieso nur im Internet konfrontiert. Aber auch dort lasse ich mich selten auf Diskussionen ein. Vor allem wenn alles auf das Argument „Hängt alle Schwuchteln an Laternen auf“ hinausläuft.

Nimmst Du an Aktionen oder Demonstrationen teil?

Danila: Nein. Für die Offline-Geschichten ist bei uns Kristina verantwortlich. Mama hat sie schon als Kind immer mit zu Aktionen zum Schutz von LGBT-Rechten mitgenommen.

Findest du es in Ordnung, dass sie Kristina da mit hingenommen hat?

Danila: Warum denn nicht? Sie wollte zeigen, dass sie die lesbische Mutter eines völlig normalen Kindes ist.

Wie alt ist Kristina?

Danila: Inzwischen 18. Sie ist meine Adoptivschwester. Meine Eltern haben sie aus einem Kinderheim geholt, als sie noch ein Kleinkind war. Ich habe das erst vor kurzem erfahren, als ich zufällig ein Telefonat mitbekam.

Hat deine Mutter vor, das Land zu verlassen?

Danila: Ja, das ist eine der Varianten. Hier kann sie nicht sie selbst sein, muss sich verstecken und verschweigen. Aber das wäre nicht schön, dann würden wir uns nur noch selten sehen können. Aber dann werde ich gewiss sein, dass sie in Sicherheit ist und niemand uns unsere Mutter verbietet

Danja

Irina und Olga sind schon seit sie 18 Jahre alt waren ineinander verliebt. Heute sind beide über 40. Sie waren früher schon einmal zusammen, haben sich jedoch schnell wieder getrennt. Sie wollten versuchen so zu leben wie alle. Mit Männern. Daraus wurde nichts. Heute sind sie wieder zusammen und leben in Sankt Petersburg. Wie die meisten Menschen in Regenbogenfamilien schließen auch sie eine baldige Emigration nicht aus. In den zehn Jahren, in denen sie sich aus den Augen verloren hatten, hat Olga ihre Tochter Tina geboren, Irina bekam ihren Sohn Danja. Dessen Vater war schon vor seiner Geburt gegangen, so dass Danja ihn nie zu Gesicht bekam..

Nicht einmal auf Fotos? 

Danja: Nein.

Meinen Fragen antwortet ein langhaariger junger Mann. Er ist 20 Jahr alt, wir skypen. An der Wand hinter ihm hängen Bilder, die seine Mutter gemalt hat. Auf einem findet sich eine antike Szenerie, die ich jedoch nur schwer erkennen kann.

Hast Du nie versucht, deinen Vater ausfindig zu machen?

Danja: Ich habe ihn mal gegoogelt, als er einen ziemlich hohen Posten beim Zoll hatte. Einfach nur so aus Neugier.

Meinst Du, er hat Euch verlassen, weil deine Mutter lesbisch ist?

Danja: Das weiß ich nicht. Aber er hat immer gespürt, dass Mama nicht ihn, sondern Olga liebt. Er und Mama kannten sich seit ihrer Kindheit. Als Mama ihm sagte, dass sie schwanger sei, sagte er, er wolle keine Kinder und war verschwunden.

Was machst du? Bist du auch Künstler?

Danja: Nein, ich mache eine Ausbildung zum Kameramann hier in Sankt Petersburg. Ich wollte eigentlich zum VGIK*, dafür braucht man allerdings gute Beziehungen.

Hast Du schon etwas gedreht?

Danja: Bisher Filme im Rahmen der Ausbildung und Werbung. Außerdem verdiene ich mir als Beleuchter in einem Theater etwas dazu.

Dann werde deinen Namen also bald in einem Abspann lesen können. Wie hast Du erfahren, dass Deine Mutter lesbisch ist?

Danja: Ganz einfach. Als ich 13 war, rief sie mich zu sich und sagte: „Ich bin lesbisch“. Und ich sagte wortwörtlich: „Na wunderbar“.

So einfach?

Danja: Ja. Ich hatte längst mitbekommen, dass Mama nicht zufällig keinen Kontakt mit Männern hat. Und mit einem Mal fügten sich alle Teile zu einem klaren Bild. Er malt ein Quadrat in die Luft und ergänzt: Sie hat schon einmal mit einer Frau zusammengelebt, als ich noch ganz klein war. Ich kann mich an sie kaum noch erinnern. Das hat allerdings nicht richtig funktioniert und sie trennten sich wieder.

Und du hast nie damit gehadert, dass sie nicht so ist wie alle anderen?

Danja: Die Sache ist, dass ich mein Leben lang mit Leuten zu tun habe, die künstlerisch tätig sind. Ich ging in eine Schule, mit kinematographischer Ausrichtung, ich mache eine Ausbildung zum Kameramann. All das hat mich wahrscheinlich beschützt. Außerdem hat Mama soviel Zeit mit mir verbracht, dass ich keine Zeit hatte, meine Unvollkommenheit zu spüren. Als ich klein war habe ich mich manchmal aufgeführt - „Warum haben wir keinen Vater?“. Das war aber nie wirklich ernst gemeint.

Wie verlief denn die Kindheit deiner Mutter? Wann hat sie sich selbst erkannt?

Danja: Als sie vier Jahre alt war.

Mit vier Jahren?! Ist das denn üpberhaupt möglich?

Danja: Sie sagt ja. Sie ist unter sehr schwierigen Bedingungen aufgewachsen. Damals in der SU stand darauf Gefägnis. Der wichtigste Mensch war damals für sie ihre Lehrerin. Mamas Eltern waren furchtbar homophob. Für sie war die Tochter – Künstlerin und Lesbe – eine absolute Tragödie. Sie sind der Auffassung, mann müsse Geld verdienen und einen reichen Mann haben. Mama hat eine ältere Schwester, die oft ihre Männer und Gatten wechselt. Doch selbst das ist meinen Großeltern lieber als die glückliche, wenn auch gleichgeschlechtliche Partnerschaft ihrer jüngeren Tochter.

Hat sich Petersburg seit der Einführung der homphoben Gesetze deiner Meinung nach sehr verändert?

Danja: Sehr sogar! Dieses Thema wird an jeder Ecke diskutiert. Ich bin oft überrascht, wie viel negatives Denken in den Menschen steckt. Ich habe einen schwulen Bekannten, der ungefähr so alt ist wie ich. Er trägt soviel Selbsthass in sich, dass er die ganze Zeit versucht, eine Freundin zu finden.

Und funktioniert das?

Danja: Bisher nicht besonders.

Hast du das Gefühl, du würdest irgendwie eine besondere Rolle in dieser ganzen Sache spielen?

Danja: Nicht direkt. Wenn ich allerdings auf einen Homophoben treffe, dann sage ich ihm: „Guten Tag. Ich bin der Sohn einer Lesbe“. Ich bin ein Beispiel für ein absolut normales Kind aus einer gleichgeschlechtlichen Familie. Ich habe schon darüber nachgedacht, Milonov und Mizulina dazu etwas zu schreiben.

Nimmt deine Familie am Kampf für die LGBT-Rechte teil.

Danja: Ein paar Mal hat man uns zu den öffentlichen Sitzungen der hiesigen LGBT-Organisation „Vyxod“** eingeladen. Hast Du von der schon gehört? Die Teilnehmer wollten eine paar Vorurteile gegen Kinder homosexueller Eltern zerstreuen.

Und was wirst Du dann üblicherweise gefragt?

Danja: Die beliebteste Frage ist: „Sind Sie schwul?“

Sind Sie schwul?

Danja: Weder an mir, noch an Tina konnte ich bisher derartige Neigungen feststellen.

Bist du eigentlich getauft?

Danja: Ja.

Wenn du also getauft bist, glaubst du auch an Gott?

Danja: Ja, ich glaube.

Aber viele Religionen richten über deine Mutter.

Danja: Das eine ist Religion. Das andere Gott.

Deiner Meinung nach ist Gott nicht homophob?

Danja: Nein, mein Gott ist nicht homophob.

* Gerassimov-Institut für Kinematographie in Moskau (Anm. d. Übers.) 

** Die Organisation firmiert außerhalb Russlands als „Coming out“. (Anm. d. Übers.)


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