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Geschichte eines Schwulen

veröffentlicht um 15.08.2013, 14:44 von Regina Elsner   [ aktualisiert: 15.08.2013, 14:47 ]
Anlässlich der Preisverleihung des German Development Media Award 2013 an die belarussische Journalistin Volha Malafeyechava übersetzen wir ihr Interview mit dem belarussischen LGBT-Aktivisten Sergej Androsenko vom 22. November 2012, welches beim belarussischen Radiosender Start veröffentlicht wurde. Androsenko ist Organisator zahlreicher LGBT-Aktionen in Belarus und wurde mehrfach von den lokalen Behörden unter Druck gesetzt. Belarus verfolgt eine ähnlich homophobe Politik wir Russland.


Haben sie sich schonmal zu einem Menschen ihres Geschlechts hingezogen gefühlt? Und wie verhalten sie sich gegenüber den Menschen, die dieses Gefühl selbst erlebt haben? Radio Start hat einen der wichtigsten LGBT-Aktivisten in Belarus, Andrej Androsenko, getroffen und konnte die Welt mit den Augen des belarussischen Schwulen sehen.

Sergej, 24 Jahre, Minsk

Ich wusste immer, dass ich schwul bin

Ich erinner mich an das Gefühl schon im Kindergarten, als alle Jungs gern die Mädchen an den Zöpfen zogen. Und meine kindliche Erotik war schon immer auf Jungs gerichtet. Ich habe natürlich verstanden, das irgendwas falsch ist, und hab versucht, das Spiel "Junge-Mädchen" mitzuspielen, um mich nicht zu unterscheiden.

Das gleiche hat sich dann in der Grundschule wiederholt. Als ich in der ersten Klasse war, gefiel mir mein Nachbar im Treppenhaus, er war älter als ich (er ging in die fünfte Klasse). Ich verstand, dass er sehr gut aussah.

Ich hatte große Angst vor diesen Gefühlen. Wenn du in Belarus aufwächst, dann hörst du dauernd Witze über Schwule. Und ich habe verstanden, dass ich falsch bin. 

Schwule Jugendliche haben es am schwersten.

Als das Internet auftauchte, erfuhr ich, dass es in der Welt eine Schwulen-Bewegung gibt und LGBT-Organisationen. Ich war oft in Internet-Clubs, als ich 15 war, und habe in der Suchmaschine "Gay-Club" eingegeben. Eigentlich kann man davon ausgehen, dass es niemanden interessiert, was ich da suche, aber ich hab mich ständig umgeschaut, es war mir sehr peinlich. Mir schien, dass alle es sehen, und dass alle mich hassen und verdächtigen. Das war sehr schlimm. Wenn sich irgendeine Gay-Seite öffnete, dann schloss ich sie sofort wieder und schaute mich um, ich bekam Panik...

Vermutlich ist es für schwule Jugendliche am schwersten. Ich habe das selbst erlebt. Du verstehst, dass du niemandem davon erzählen kannst: nicht den Eltern, nicht en Freunden, nicht den Klassenkameraden, nicht den Lehrern, ni-man-dem auf der Welt!

Ich habe begriffen, dass ich nicht allein bin, und das hat mich beflügelt

Die Suche nach Menschen, die verstehen, wer ich bin, war eine sehr wichtige Etappe für mich. Ich habe eine Seite gefunden, wo belarussische Schwule sich kennenlernen, mit denen ich mich dann angefreundet habe. Ich habe in Minsk lange nach einem Treffpunkt von Schwulen gesucht. Ich wusste, dass es irgendwo Treffpunkte gab, die nicht nur sexuellen, sondern einfach sozialen Charakter hatten: die haben sich getroffen, miteinander getrunken, Lieder gesungen, Gitarre gespielt. Schließlich haben mir Bekannte diesen Ort gezeigt, und ich sah, wie viele wir sind!

Sexualität - das ist nicht nur sexuelle Erfahrung

Ich mag es von Natur aus nicht zu lügen, mich zu verstellen, ich schätze mein Leben sehr und achte die Menschen, die mich umgeben. Mit 15 war ich so beflügelt, dass ich allen zurief, dass ich schwul bin! Ich bin einfach durchgedreht... Obwohl ich bis dahin noch keinen Sex mit einem Mann hatte. Sexualität, das ist ja nicht nur sexuelle Erfahrung. Der Mensch kann mit einem Mann schlafen und begreifen, dass das nicht seins ist, d.h. heterosexuell werden, und nicht schwul. Aber ich habe mich schon schwul gefühlt, auch ohne diesen Kontakt. Und ich wusste damals schon, dass es solche Menschen wie mich in ganz Belarus gibt, und ich hatte keine Angst mehr.

Es ist mir wichtig, dass meine Freunde meine starke Seite sind

Und wie hat sich mein Leben verändert, als ich auf diese Wand des Unverständnisses stieß!
Meine beste Schulfreundin hat meine Sexualität gesehen und in einem Gespräch irgendwie fallen gelassen: "Weißt du, ich bin gegen Gay-Paraden, gegen gleichgeschlechtliche Ehen, denn ihr macht ja nur eins, ihr fickt!" (ich war damals schon LGBT-Aktivist) Sie gab zu, dass sie mit mir nicht befreundet ist, weil ich schwul bin, sondern weil ich ein guter Mensch bin. Und ich verstand, dass sie nicht die Freundin ist, mit der ich befreundet sein will. Weil jeder Mensch aus Teilen besteht: Sexualität, Interessen, politische, religiöse Ansichten usw. Ich kann nicht ein Mensch sein, der einfach eine Beziehung mit einem Mann will. Ich möchte soziale Garantien, rechtlichen Schutz. Und wie kann ein Freund von mir sagen, dass er gegen das alles ist?

Das kann man leicht sagen, wenn man alles hat. Im Leben eines Heterosexuellen gibt es natürlich viele andere Probleme, aber er hat kein Problem mit der sexuellen Orientierung. Er wird nicht verprügelt dafür, dass er heterosexuell ist. Er wird nicht aus der Schule geworfen, von der Arbeit gekündigt. Von diesem Tag an habe ich den Kontakt zu der Freundin abgebrochen.

Meine Mutter konnte meine Sexualität nicht verhindern

Meine Mutter hat irgendwann einen Lippenpflegestift in meiner Tasche gefunden und gedacht, ich sei schwul (lacht).
Sie fragte mich: "Bist du schwul?"
Ich sagte: "Ja, ich bin schwul."
sie glaubte mir nicht. Dachte, ich mache einen Witz.

Dann habe ich ihr irgendwie gesagt, dass ich zu einer Party in einen Club gehe, und eine Freundin verriet ihr, dass das ein Gay-Club ist. Sie fragte mich noch einmal und ich gab zu, dass ich wirklich schwul bin.

Zuerst war das ein Schock für sie. Sie dachte, dass das eine weitere Mode ist, so wie Rocker, Punks, Schwule... Aber dann fing sie an, mich zu beleidigen und zu erniedrigen. Sie sagte, dass sie lieber eine prostituierte Tochter hätte, als einen schwulen Sohn... Sie macht mir Angst, sie würde alles meinem Stiefvater erzählen. Sie dachte, dass sie damit meine Sexualität aufhalten könnte. Ich hätte natürlich so tun können, als ob es wirkt, aber ich wollte nie im Leben so tun als ob.

Jetzt ist meine Mutter eine LGBT-Aktivistin

Als ich 18 war brachte ich das erste Mal meinen Freund mit nach Hause. Wir kamen aus Brest nach Minsk, und wir wussten nicht, wo wir übernachten sollten. Ich habe meine Mutter angerufen und sie vorgewarnt, dass ich nicht allein komme. So lernte sie zum ersten Mal einen anderen Schwulen kennen. Und verstand, dass es ernst war. Es begann die Phase der Akzeptanz, dann des Verständnisses. Und jetzt geht sie in den Elternclub von "GayBelarus", nimmt jährlich an den Gay-Paraden teil und sagt, dass Homophobie schlecht ist.

Homophobie hat meine ganze Familie erlebt

Als ich zu einem öffentlichen Schwulen wurde, erfuhr man von mir in der Schule meiner Schwester. Ich ging in diese Schule, ging zu denen, die sie beleidigten und sagte: "Hier bin ich! Wenn ihr irgendwelche Fragen habt, dann stellt sie mir jetzt." Aber sie hatten keine Fragen. Alles baute auf der öffentlichen Meinung, auf Stereotypen auf. Niemand verstand, warum das schlecht ist. Warum sollte es in der Gesellschaft üblich sein, dass es jemandem schlecht geht? Natürlich muss man dagegen kämpfen! Jetzt geben alle Mitglieder meiner Familie Toleranz gegenüber Schwulen weiter.

Die erste Liebe war leidenschaftlich

Mit 18 fing ich an in dem Minsker Gay-Club zu arbeiten. Ich machte den Weg vom Kellner zum stellvertretenden Direktor. Im Club gab es eine Bedingung: keine Bekanntschaften und keine Flirts mit Kunden. Aber an einem Sonntag kam in den Club so ein schöner Typ, dass ich eine Ausnahme machte - wir lernten uns kennen.

Nach zwei Wochen kam ich zu ihm nach Brest, dann er zu mir nach Minsk. Wir fingen an, da und hier zusammen zu leben. Unsere Beziehung war sehr leidenschaftliche. Wir waren überall gemeinsam!

Dann trennten wir uns... Ich bin sehr eifersüchtig... Solche Jugend-Fehler (lächelt).

Mein jetziger Freund ist auch aus Brest

Wir haben uns im letzten Jahr auf einer Internetseite kennengelernt. Als wir eine Veranstaltung von "GayBelarus" in Brest vorbereiteten habe ich alle eingeladen, und ein Junge schrieb mir, dass er mich treffen will. Ich schlug ein Cafe vor, aber er hatte große Sorge, dass man uns dort sehen würde.
Am nächsten Tag schrieb er wieder. Wir waren mit Freunden in einem Club in Brest und ich sagte ihm: "Weißt du, ich bin mit lauter Schwulen hier, das wird dir sicher nicht gefallen." Er hat sich lange gequält, und kam dann. Nach der Disko gingen wir alle zu mir in die Wohnung, und er kam mit.
Bald danach kam er zu mir nach Minsk, um mich wieder zu sehen. Kam einmal, zwei Mal, dann kam er zu Neujahr für für drei Tage und blieb zehn. Letztendlich hat er seinen Job gekündigt, weil er da schon mehrere Schichten gefehlt hatte. Am 13. Januar kam er nach Minsk mit seinen Sachen und Geld, und am 15. Januar haben wir eine Wohnung gemietet und leben dort bis heute zusammen. 

Ich glaube, wir sind glücklich

Wir sind froh, dass wir offene schwule und lesbische Freunde habe. Wir versuchen, uns nie in der Öffentlichkeit homoerotisch zu verhalten, aber wenn wir uns mal (nicht, um zu provozieren) umarmen oder küssen wollen... Vor kurzem waren wir gemeinsam im Schloss von Minsk, und ich schau ihn so an, er ist so toll und schön, und ich denke, los, ich küsse ihn auf die Wange. Das war ein absolut aufrichtiger Wunsch.

Und auch wenn ich Demokratie propagiere und mich in meinem Leben für Menschenrechte einsetze - familiäre Beziehungen, das ist ein anderer Stoff. Ich möchte in ihnen der leader sein, ich würde sogar sagen, ich bin ein bisschen Diktator in familiären Beziehungen. Natürlich versucht mein Freund das zu bestreiten, aber ich weiß es!

Bis zur Hochzeit bleiben 2 Jahre

Wir sind jetzt eine offene schwule Familie, unabhängig davon, ob wir in Brest oder Minsk leben werden. Viele LGBT-Paare reisen aus, weil sie sich da wohler fühlen, als in Belarus.
Mein Freund hat gesagt, dass er eine Hochzeit will, aber ich habe ihm gesagt: "Nee! Erst, wenn wir drei Jahre zusammen sind, dann können wir die Hochzeit planen!" Wir können das in einem Land machen, wo zwei Ausländer heiraten können (Norwegen, Kanada, Argentinien). Natürlich ist Norwegen das nächste, darum nehmen wir das. Das heißt, dort heiraten wir, und wenn wir nach Belarus zurückkehren spielen wir hier die richtige Hochzeit. Wir stehen keiner heterosexuelle Hochzeit nach. Es wird sehr viele Gäste geben, unsere Familien und Freunde... Aber das alles erst, wenn wir drei Jahre zusammen sind. Jetzt haben wir ein Jahr.

Schwule Paare können auch Kinder erziehen

Ich weiß, dass es Kinder in gleichgeschlechtlichen Familien in Russland gibt, aber viele halten das für Egoismus. Wir denken darüber noch nicht nach, es ist zu früh. Lesben haben es einfacher in dieser Frage, aber schwule Paare können auch Kinder erziehen. Die Frage ist, wie bereit das Paar für diesen Schritt ist, denn ein schwules Paar, welches Kinder erziehen will, braucht viel mehr Geld, als ein heterosexuelles Paar. Privater Kindergarten, kostenpflichtige Schule, denn da sind die Dienstleistungen und eine korrekte Beziehung auf einem höheren Niveau. Vielleicht muss man auch zu ungewöhnlichen Formen der Bildung greifen.

Europa toleriert Homophobie nicht!

Ich schäme mich nicht, und ich gehe nicht zurück in den Schrank. Ich gehöre nicht zu denen, die sich Beleidigungen anhören, ich kann mich verteidigen. Selbst wenn ich einen Kampf verliere, nehme ich trotzdem daran teil.

Viele von uns werden oft mit öffentlichen Beleidigungen konfrontiert, aber die Leute schämen sich, davon zu erzählen. Deswegen versuchen wir, um uns herum ein tolerantes Verhältnis aufzubauen. Dafür haben wir das Projekt "GayBelarus" gegründet. Am 8. Dezember gibt es die nächste Versammlung, da treffen sich Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transgender, Eltern und Freunde aus dem ganzen Land. Wir werden die Dokumente für die Registrierung vorbereiten und einen neuen Vorstand wählen, und eine Strategie für das nächste Jahr erarbeiten.

Übersetzung: Quarteera e.V.
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