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Garry Kasparov: Boykottiert Putin, nicht die Olympischen Spiele

veröffentlicht um 26.08.2013, 02:22 von Regina Elsner   [ aktualisiert: 26.08.2013, 02:24 ]
Der Schach-Profi und russische Oppositionspolitiker Garry Kasparov zur Boykott-Diskussion um die Olympischen Spiele 2014:

Präsident Obama hatte ausreichend Gründe, um das geplante Treffen mit dem russischen Präsidenten Vladimir Putin abzusagen, aber der letzte Tropfen war die Genehmigung des Aufenthalts des NSA-Aufklärers Edward Snowden durch die russische Regierung. Die westliche Berichterstattung dieses Ereignisses zeigt das beschränkte Interesse an Russland. Die Liste der Handlungen Putins, welche den Interessen Amerikas und Europas widersprechen, ist ausreichend lang, angefangen von seinen Maßnahmen im Bezug auf Syrien und den Iran, bis hin zur Politik im Bereich der Abwehrwaffen. Aber bis dahin konnte Obama sich erlauben, Putin gegenüber zu sitzen und Gespräche über Freundschaft und Zusammenarbeit zu führen, ohne auf die Menschenrechtsverletzungen in Russland einzugehen.

Möglicherweise hat Putin die unbedeutende Figur Snowdens genutzt, um Obama zum Widerstand zu drängen. Aber es ist besser, die richtigen Schritte aufgrund von falschen Gründen zu tun, als gar nichts zu tun. Der Amerikanische Senator John McCain hat bei einem Fernsehauftritt Obama zu einer aktiven Verbreitung der "Magnitzkij-Liste" aufgerufen, welche bei einer großen Verbreitung und Umsetzung in Europa, wo sich so viele der Freunde Putins gern erholen und Geld ausgeben, seine Macht ankratzen könnte.

Man kann eine Verbindung zwischen der Reaktion der Weltöffentlichkeit auf die Verabschiedung der antihomosexuellen Gesetze und der aufflammenden internationalen Verurteilung der Olympischen Spiele 2014, welche im russischen Schwarzmeer-Kurort Sochi im Februar nächsten Jahres durchgeführt werden sollen.
Die vielen Proteste im Internet und auf den Straßen in den USA, Europa, Australien und anderen Ländern wurden zu einer Antwort auf das harte Gesetz gegen Homosexuelle, welches in unserem Land im Juni verabschiedet wurde. Seine Verabschiedung steht in einer Reihe mit Angriffen auf die Meinungsfreiheit und andere verfassungsgemäße Menschenrechte im Putinschen Russland, es wurde diktiert von der politisch bequemen, aber unmoralischen Zusammenarbeit von Kreml und Russischer Orthodoxer Kirche. Das Gesetz über "Propaganda von Homosexualität" ist das umfassendste aus der Serien ähnlicher Gesetze Russlands, wo Homosexuelle in gewohnter Weise Opfer der offiziellen und inoffiziellen Diskriminierung, Erniedrigung und Gewalt werden.

Obwohl Russland Mitglied verschiedener europäischer und internationaler Konventionen ist, welche eine solche Diskriminierung verbieten, wird diese Tatsache durch die EU und seine so genannte Führung ignoriert. Um so erfreulicher ist es daher, dass Künstler, Aktivisten und gewöhnliche Bürger mit verschiedenen Ansichten sich für den Schutz der Menschenrechte in Russland einsetzen, unter anderem für die Rechte von Homosexuellen. So unterschiedliche Menschen wie Tilda Swinton, Lady Gaga und Stephen Fry sind mit öffentlichen Erklärungen aufgetreten. Darüber hinaus hat Fry einen ausdrucksstarken Brief an das IOC und den britischen Premier-Minister David Cameron geschrieen mit dem Vorschlag, die Olympischen Spiele zu boykottieren oder an einen anderen Ort zu verschieben. 

Es gibt viele Gründe, warum man in Sochi keine Olympischen Spiele durchführen sollte.
An diesem subtropischen Sommer-Erholungsort fällt die Temperatur selbst im Winter selten unter Null Grad. Im Juni 2007, als Sochi unerwartet das Recht auf die Spiele gewonnen hatte, fehlte in der Stadt die notwendige Infrastruktur vollkommen. Von Anfang an war klar, dass die Olympiade zu einer humanitären und ökologischen Katastrophe für die Region werden würde.
Sochi liegt an der Grenze zum Nordkaukasus, dem Herd sowohl des islamistischen Terrors als auch der russischen Armee-Gewalt, welcher in den vergangenen Jahrzehnten durch regelmäßige Anschläge und die furchtbare tschetschenischen Kriege Berühmtheit erlangt hat.
Der Kreml hat in das Projekt "Sochi" viel mehr investiert, als nur Geld. Während des kurzen Krieges gegen Georgien 2008 wurden die Gebiete von Abchasien und Südossetien faktisch gewaltsam angeeignet. Sochi befindet sich 30 Kilometer von dem durch Russland okkupierten Abchasien entfernt, welches nach wie vor zum Staatsgebiet Georgiens gehört. Die Olympiade ist eine gute Möglichkeit, den schwachen Flügel zu stärken und zusätzliche Gelder in den Bau der olympischen Objekte zu stecken. Das Olympische Dorf befindet sich nur 5 Kilometer von der Grenze zu Abchasien entfernt und ist direkt neben einem alten Friedhof erbaut. Viele Häuser und Unternehmen in Sochi wurden vernichtet, die nächste Umgebung in ein ökologisches Elendsgebiet verwandelt, deren Zustand sich nach der Abreise alle kurz nach dem Verlöschen der Olympischen Flagge nur noch verschlechtern wird.

Das Putinsche Regime war immer nur an einem interessiert: an Geld. Unter anderem daran, wie man dieses Geld auf die Konten der Verbündeten von Putin überweisen kann.
Ich habe bereits unseren aktuellen Staatsaufbau als unmoralische Kombination von Adam Smith und Karl Marx beschrieben, in dem alle Ausgaben nationalisiert und die Einnahmen privatisiert werden. Die Durchführung der Olympischen Spiele, die zum ersten Mal in Russland stattfinden (die Spiele 1980 in Moskau wurden in der UdSSR durchgeführt), ist ein idealer Anlass, tausende Milliarden Dollar aus den Staatskonten in private Hände zu überführen. Alle Objekte, von der Infrastruktur bis zu Hotels und Restaurants werden durch Unternehmen gebaut, die vom Regime ausgewählt wurden. Wahrscheinlich werden einige Namen von Putin-Freunden während des "Laufs um Gold" in Sochi vorzeitig genannt werden. Die Ausgaben übersteigen die versprochenen 12 Milliarden Dollar bei weitem, nach ersten Schätzungen bis zu 50 Milliarden, und übertreffen damit sogar die Ausgaben für die Sommerspiele in Peking 2008. Nach Angaben von "The Economist" hat allein die Firma von Arkadien Ortenberg, einem engen Frund Putins, 7,4 Milliarden Dollar erhalten. Die gesamten Winterspiele in Vancouver kosteten 6 Milliarden Dollar. 

Die Mitglieder des IOC müssen großes Vertrauen in Russland gehabt haben, als sie die Durchführung der Spiele in Sochi zuließen angesichts solcher Hindernisse. Viele meiner Kollegen in der Opposition und ich selbst waren von Anfang an gegen die Bewerbung um die Spiele in Sochi. Wir haben eine Petition an das IOC verfasst mit dem Vorschlag die Spiele zu verlegen, solange es noch nicht zu spät ist. Zum jetzigen Moment ist eine solche Verlegung nicht mehr möglich, aber das heißt nicht, dass man aufgeben sollte.

Als Profisportler, der am Anfang die Sowjetunion und später Russland vertreten hat, kann ich einen Boykott der Olympischen Spiele in Sochi durch die Mannschaften nicht begrüßen. Solche Maßnahmen bestrafen ungerechter Weise die Sportler, unabhängig von ihren persönlichen Ansichten. Ich bin in meiner Jugend selbst fast Opfer der "Sport-Politik" geworden. 1983 hat man mir gesagt, dass ich nicht nach Pasadena zum Duell gegen Viktor Korchnyj reisen darf, der aus der Sowjetunion geflohen war. Ich wurde zuerst für mein Nichterscheinen bestraft, aber ich hatte Glück: das Duell wurde schließlich nach London verlegt, ich siegte und konnte weiter um den Weltmeistertitel kämpfen, den ich 1985 bekam. Ich will mir nicht vorstellen, was mit meiner Karriere passiert wäre, wenn ich weitere drei Jahre hätte warten müssen, um Karpov herauszufordern. Die sowjetische Führung plante damals bereits einen Boykott der Sommerspiele in Los Angeles 1984 als Rache für den Boykott der Spiele 1980 in Moskau durch die USA.

Ich glaube fest an die Fähigkeit des Sportes, Barrieren und Grenzen zu zerstören. Sportler müssen nach Sochi kommen. Sie sollen viele Rekorde aufstellen und die Fans in der ganzen Welt erfreuen.
Aber Sport ist ein Teil der Kultur, des Lebens, und hier haben Sportler, Fans und die Presse die Möglichkeit, Einfluss auf die Menschenrechtssituation in Russland auszuüben.
Der russische Minister für Sport, Vitalij Mutko, und einige Abgeordnete des Parlaments haben vor kurzem gesagt, dass trotz der Versprechen des IOV das Gesetz über die "homosexuelle Propaganda" gelten wird und die Sportler in Sochi "mit Folgen rechnen müssen", wenn sie dieses Gesetz brechen. Ich bezweifle allerdings ernsthaft, dass die Polizei in Sochi das Risiko eingeht, irgendwelche Maßnahmen gegen ausländische Gäste vor den Augen der ganzen Welt vorzunehmen. Aller erinnern sich daran, wie die amerikanischen Sprinter John Carlos und Tommy Smit auf dem Siegerpodest in Mexiko 1968 während der amerikanischen Hymne ihre Köpfe gesenkt hatten und die Fäuste in schwarzen Handschuhen als Zeichen des Protests gegen den Rassismus in den USA erhoben hatten. Sochi ist bereit für solche Gesten. Ich hoffe, dass diejenigen, die nach Sochi kommen, Regenbogenfahnen schwenken werden und sich für den Schutz der Meinungsfreiheit und gegen Hass und Intoleranz aussprechen werden. Die Fernsehkanäle müssen das Gesetz besprechen und thematisieren, was es heißt, homosexuell im Russland Putins zu sein. Die Sponsoren müssen Menschenrechts- und LGBT-Themen in ihre Olympia-Werbung aufnehmen. Natürlich entscheidet jeder selbst über die Teilnahme an solchen Aktionen, aber im Westen - im Unterschied zu Russland - hören die Politiker und Sponsoren auf die Menschen. 

Der Boykott von Sochi, der notwendig ist - das ist ein Boykott der Spiele durch die Regierenden der Welt, durch Berühmtheiten und Sponsoren, höchste offizielle Vertreter und Fans. Man muss nicht nach Sochi kommen und neben Putin sitzen, als ob diese Welt abgetrennt wäre von dem durch ihn hergestellten Polizeistaat. Sollen die Plätze in den Stadions frei bleiben, besonders in den VIP-Bereichen, welche, wie Putin hofft, durch Präsidenten und Premier-Minister gefüllt werden sollen. Wie Stephen Fry in seinem Brief schreibt, hat die Wahl Berlins als Olympia-Ort 1936 Hitler zu mehr Sicherheit verholfen. (Heute ist es nicht mehr korrekt, davon zu sprechen, aber die gesamte Olympia-Mannschft Frankreichs hat die Hand zum nationalistischen Gruße erhoben, als sie bei der Eröffnung an Hitler vorbei zogen) 1936 hat die von Hitler geführte Regierung bereits offen durch Gesetze Juden, Zigeuner, Schwule und politische Gegner verfolgt. Putin verfolgt ein vergleichbares Modell. Den Diktatoren alles zu erlauben, was sie wollen, in der Hoffnung ihr Wohlwollen zu erhalten, ist immer falsch. Ein solches Verhalten lässt euch herab auf das Niveau der Diktatoren und macht euch zu Mittätern an ihren Verbrechen. 

Putin dürstet nach der internationalen Anerkennung in Sochi, aber er darf sie nicht bekommen.
Lasst die Plätze in den VIP-Bereichen in Sochi den Oligarchen und Speichelleckern, die er bezahlt, und nicht den Führern der freie Welt.
Politiker dürfen Sportler nicht ausnutzen als Schutzschild zum Verdecken der eigenen Feigheit.
Die Welt wird zusehen!

Übersetzung: Quarteera e.V.
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