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homosexuelle propaganda?!

veröffentlicht um 24.05.2013, 04:12 von Regina Elsner
Susann Reck recherchierte zur Situation von Homosexuellen in Russland - ihr Beitrag erschien in der guestlounge ihrer Homepage. Danke Susann!




die ermordung von wladislaw tornowoj am 9. Mai 2013 in wolograd und die gesetze gegen homosexuelle propaganda , die schwule und lesben in russland aus der öffentlichkeit verbannen sollen, gehörten zu den hauptgründen russland in recks guestlounge einzuladen. bulat barantaev, ein aktivist aus sibirien begnete mir während der recherche und gab dem kampf für die rechte der homosexuellen ein gesicht. danke für deinen beitrag, bulat! 



: anstoss in berlin

Das Parlament in Russland ist seit einem Jahr dabei, ein Gesetz gegen „homosexuelle Propaganda“ zu erlassen und etwas daran scheint mir besonders verquer. Es ist nicht nur der Umstand, dass Putin versucht die Demokratie-Bewegung in Russland zu spalten, indem er gegen homosexuelle AktivistInnen hetzt. Gestolpert bin ich vor allem über das Wort „Propaganda“.

Das Wort „Propaganda“ steht im Allgemeinen für die gezielte machtpolitische Einflussnahme auf eine Gruppe von Menschen die manipuliert werden soll. Sie spielt mit dem geschickten Einsatz von Nachrichten und ihr Wahrheitscharakter bleibt dabei so gut wie immer auf der Strecke. „Propaganda“ nutzt Informationen zur bloßen Manipulation und zielt auf emotionale Reaktionen ab wie zum Beispiel Verachtung oder Hass. Die rationale Auseinandersetzung mit einem Thema wird dadurch vermieden. „Propaganda“ dient also der Sicherung von Herrschaftsansprüchen und erfreut sich konsequent der Ausgrenzung Andersseiender. „Propaganda“ und „Sündenbock“ gehören in meinen Augen unauflöslich zusammen. Besonders beliebte Gruppen für Letzteres sind Juden, Schwarze und Frauen, aber auch Kommunisten, Kapitalisten, psychisch kranke Menschen - und Homosexuelle.

„Homosexualität“ und „Propaganda“ in einen direkten Zusammenhang zu bringen ist dementsprechend perfide, denn wenn es etwas gibt das Homosexuelle als „globale Gruppe“ weder haben noch jemals hatten so ist es „die Macht“, die überhaupt erst die Bedingung dafür ist, mit propagandistischen Bandagen zu kämpfen.

Machtgeile Homosexuelle, die die heterosexuelle Mehrheit manipulieren wären tatsächlich eine weltweite Premiere. Ein Diktator jedoch der, um von den Defiziten der eigenen Politik abzulenken nach einem Sündenbock sucht, ist in der Geschichte der Menschheit wahrlich nichts Neues.

In ihrer Begründung für den Erlass des Gesetzes, das im Übrigen Homosexualität und Pädophilie in einen Topf wirft (vergleichbar wäre Heterosexualität und Kindesmissbrauch), argumentieren die Repräsentanten der heterosexuellen Mehrheit, es gelte die Jugend vor „ nicht traditionellen Lebensweisen“ zu schützen.

Tatsächlich scheint es eher darum zu gehen ein Grundprinzip von Demokratie in Frage zu stellen, welches das sichtbare Nebeneinander verschiedener Lebensweisen gewährleisten muss, ein Umstand übrigens, der sich im Tierreich auf natürliche Art und Weise erfüllt.

So bezeichnen Forscher die rund 1500 Tierarten mit nachweislich homosexuellen Verhaltensweisen - unter ihnen Giraffen, Pinguine, Möwen, Delphine, Wale, Hyänen, Flamingos, Geier und Störche - erst als die Spitze eines Eisbergs. Sichtbar aber soll der Homo sapiens, ebenso wenig wie der schwule Pinguin und der lesbische Delphin in Russland nicht sein, sich ausbreiten (was die eigentliche Übersetzung des lateinischen Verbes propagare ist) soll er sich schon gar nicht.

Das „Gesetz gegen homosexuelle Propaganda“, hat das Ziel, Homosexuelle mitsamt ihrer Regenbogenfahnen, ihren anstößig innovativen Lebensentwürfen, ihren fürchterlich gut gelaunten Partys, ihren Darkrooms und Saunen, ihrer Kreativität, ihrem Ehrgeiz und nicht zuletzt ihrer globalen Vernetzung, die verdächtig nach Weltverschwörung stinkt, wieder von der Bildfläche verschwinden zu lassen, auf dass sie sich nicht weiter breit machen und in Konkurrenz treten zu - ja wozu eigentlich?

Homosexuelle sollen, wenn es nach den Repräsentanten des russischen Volkes geht, wieder dahin zurück wo die meisten unserer homosexuellen Vorfahren ein unwürdiges Leben geführt haben: in die Schränke dieser Welt.


: olga
dreissig jahre zurück


In der deutschen Presse war kaum etwas über das „Gesetz gegen homosexuelle Propaganda zu lesen. Auch über die Auswirkungen wurde kaum berichtet und ich fragte mich, wie ich etwas darüber erfahren könnte.

Olga war die einzige russische Lesbe die ich kannte. Sie war Mitte der 90iger Jahre von Moskau nach Berlin gezogen und ich hatte sie seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen. Ich erinnerte mich dunkel, dass sie von den schwierigen Lebensbedingungen vor ihrem Umzug erzählt hatte, von Existenzangst, Übergriffen und Hunger. Hatte sie nicht auch eine Geliebte erwähnt, mit der sie als „Schwester“ zusammen leben musste, weil man sie sonst womöglich gelyncht hätte?

Ich rief Olga an und erfuhr, dass sie auch hier, in Berlin nicht geoutet war- ein Umstand, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Auch war sie den AktivisTinnen in Russland nicht sonderlich wohl gesonnen. Ich fragte sie, ob sie Angst vor Repressalien hätte sobald sie russischen Boden betrat, was sie verneinte. Vielmehr fürchtete sie die soziale Ächtung ihrer Eltern.

„Homosexuelle Handlungen“ wurden in Russland 1993 endlich legalisiert, bis 1999 aber galt Homosexualität als Geisteskrankheit, sagte sie, „und man konnte jederzeit zwangseingewiesen werden“. Ansonsten sei in russisch-sprachigen Ländern bis heute so gut wie nichts darüber bekannt.

Bezeichnenderweise sprechen die Gesetzesgeber von homosexuellen Handlungen, schoss es mir durch den Kopf, nicht aber von Liebe oder einer alternativen Lebensform. Als ginge es nur um ficken und blasen. "Homosexuelle Handlungen“ ließen sich überall vornehmen, auf Klos, in Schränken und Verschlägen.

Dass Isolation degenerierte galt seit Kaspar Hauser als erwiesen, auch dass Homosexuelle Opfer dieses Schmalspur- Daseins geworden waren, welches sie sowohl von jeder psycho- emotionalen Entwicklung als auch von einem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen hatte.

Das Gesetz gegen „homosexuelle Propaganda“ richtet sich nicht gegenhomosexuelle Praktiken zwischen Erwachsenen. Es ist auch weiterhin erlaubt, dass sich Schwule zu Hause einen runterholten und lesbische Frauen zusammen in eine Badewanne steigen.

Verboten wird vielmehr jede öffentliche Manifestation homosexuellen Lebens. Homosexuelle werden sich in Zukunft in der Öffentlichkeit weder an den Händen halten, noch über AIDS aufklären können.

Die Begegnung mit Olga versetzte mich gedanklich gut dreißig Jahre zurück, als man auch in Deutschland mit vorgehaltener Hand von denPerversen sprach, deren Eltern und Verwandte noch mit Scham überzogen wenn ES ans Licht kam.

Dementsprechend hielten sie einen Teil der Persönlichkeit zurück, wen man liebte, mit wem man zusammenlebte, wenn ein Geliebter gestorben war. Der Schrank war nicht nur ein rechtloser Raum, er machte aus leidenschaftlichen, gefühlvollen Menschen unnahbare und geheimnisumwitterte Einzelgänger.




Olga verwies mich an Zlata, die als Gründerin von QUARTEERA e.V., der queeren russischsprachigen Community in Berlin, und über die Lebensverhältnisse von Lesben und Schwulen in den russischsprachigen Ländern sehr gut informiert war.

Bei einem Treffen mit der Gruppe, die unter anderem Aktionen wie Unterschriftensammlungen und Rainbowflashs gegen Putin organisierte, lernte ich auch Bulat Barantaev kennen, einen Aktivisten aus Sibirien, der gerade auf Besuch war.

Bulat war vor zwei Jahren selbst Opfer eines homophoben Angriffs geworden, trotzdem sah er die "russische Situation" als eine Art Chance an .

Noch nie, sagte er, hätten Homosexuelle in Russland international soviel Aufmerksamkeit bekommen. Er hielt die „Gesetze“ für so etwas wie ein vorübergehendes Ärgernis, das nicht von Dauer war.

Zurück in Sibirien, schrieb ich ihn an und bat ihn, seinen Standpunkt auszuführen.

Bulat antwortete Folgendes:


: bulat barantaevs antwort

Hello Susann,

At the university I studied advertising and have been working in this field for 10 years already. Last year I decided I am ready to run my own business and launched a marketing agency. For today I have a staff of 4 people, we make marketing consulting, create advertising campaigns for our clients.

Once I got into the car crash (I was 22), I have been laying unconscious for 3 days. For some time after I have been thinking it over and then came to a thought that none can predict if tomorrow comes.


Later I realised that I should not follow someone's expectations or scenarios because the life is not unlimited - and it's better to follow just what you like, what you are into.

At around 25 I decided to be open to myself and for the first time to date a guy - a thought I tried to run away since my teenage years. I broke up with the girl I dated that time and created an account on a gay dating site. I liked the result of the experiment and realised that this was mine: dating girls I felt nervous and sometimes did not now how to treat them and so felt very unconfident. Leading a gay life I was very pleased and felt myself in my own shoes. A half a year later I came out to my parents as I realised that they love me and would certainly accept me who I was. Everything went on well: of course, they were a bit shocked and first told that this was because of my working "in an industry of creative people where this behavior is fashionable", but later I gave them enough scientific information, showed them educational movies - and they get rid of such "simple explanations" of the matter of sexuality.

For now I think they are ready to explain many topics of human sexuality to their friends, relatives or acquaintances.

Having got a support from my parents and brother I was becoming more open to close friends, acquaintances and colleagues. And I think as I felt myself "normal" and was rather self-confident - so everybody treated me in the same way. Of course, I experienced problems in communication with several homophobic persons - but being armed with scientifically proven facts and research they did not have a chance to persuade anyone around arguing publicly with me.

At 27 I understood that I am strong enough to change the situation not only around me but in the society on the whole.

I thought that being openly gay not only would not make me a lot of harm but would ruin a lot of stereotypes of gay community - because by that time I possessed some kind of reputation for being a democratic activist and sometimes appeared in press. That time I started my gay activism, our first action in the centre of the city was addressing parents with the question:what variants do you leave for a teenager who realise himself to be gay - love or suicide? It was a boom, every news medium wrote about this, it was being discussed everywhere. Later we made the second campaign: any type of sexuality is natural as homosexual elephants or dolphins did not watch 'homosexual propaganda' on TV!

I decided that if my reputation was the price for eliminating homophobia in our city, let it be so. I remember the quotation of Mahatma Gandhi fighting for equal rights:
First they ignore you, then they laugh at you, then they fight you, then you win.

I think, Russian society has passed the first two stages and now the gays are fought with. But we should not drop - because the next stage is our victory.

I see the change in the society even for last several years: at least "the elites" show less hate or disapproval of gays. For example, the recent poll of the viewers of the private democratic TV channel showed that some 70-80% of the audience think gays should be left alone with their private life or even get the right to marry. And as for the population on the whole, the surveys show that the average Russian tend at least not to show more respect but to show less hate or disapproval of gays: the sociologists explain his/her thought in such words: "Why does everybody fight with gays? I do not know any of them, they did not make me any harm, but why is there so much aggression against them?" Gays are becoming more visible in the society: they participate in protests "for fair vote", this year many of TV and media persons publicly stated they're gays/lesbians. The process goes on, and if Russia follows at least this way but not the way of North Korea or Stalin's times, the idea of equal rights and democracy will win.

As for me, of course, when I see what level of freedom Europe offers, I think of how nice it could be to live there, but I am rather stubborn and strong enough to stay at my place and fight.

I have a dream of inviting of all of my gay friends from different parts of the world to the centre of Siberia to participate in a big gay pride march - open, public and supported by the local authorities. And I usually like to make my dreams come true :)

Best regards! Bulat



: mord in wolgograd


In den darauffolgenden Tagen las ich von einem Mord in Wolgograd.Wladislaw Tornowoj war am 9.Mai 2013 von zwei „Freunden“ brutal misshandelt und getötet worden, nachdem er sich geoutet hatte. Bis auf die lokale Presse wurde über den Mord in der russischsprachigen Presse nicht berichtet. Allerdings fand ich auf youtube ein Video, in dem sich einer der Täter schockierend offen äußerte.
In einem Artikel, den Quarteera übernommen hatte, schrieb Nikolaj Alekseev, ein Aktivist aus Moskau, er fordere ein härteres Vorgehen gegenüber Verbrechen, die aufgrund der sexuellen Orientierung des Opfers begangen wurden: "Dieser grausame Fall zeigt die Früchte der homophoben Politik im Land(...)“, schrieb er und fuhr fort, „ wir möchten erreichen, dass Hassverbrechen gegen sexuelle Minderheiten besonders hart bestraft werden. Nur dann werden diese tragischen Fälle weniger werden."

Alekseev fürchtete, dass das Verbrechen an Wladislaw Tornowoj "nur" als Mord verhandelt werden könnte. "Bisher ist Hass gegen sexuelle Minderheiten fast nie ein Motiv, (...)die homophoben Motive verschwinden aus den Unterlagen."

Sobald das "Gesetz gegen homosexuelle Propaganda" in Kraft getreten ist, werden auch Alekseevs Äußerungen strafrechtlich geahndet und der Zensur zum Opfer fallen.
Verstummen aber Stimmen wie die von Bulat Barantaev und Nikolaj Alekseevs , werden als Spiegel der russischsprachigen Öffentlichkeit wohl nur jene zynischen homophoben Kommentare übrig bleiben, die seit dem Mord an Wladislaw Tornojow im Internet zu lesen sind.


: informationen zum "gesetz"
stand april 2013


I. wo ist das gesetz bereits in kraft?

Zwischen 2011-2013 erfolgten in Sankt Petersburg und in zehn weiteren Regionen Russlands (Oblast Rjasan, Oblast Archangelsk, Oblast Kostroma, Oblast Nowosibirsk, Oblast Magadan, Oblast Samara, Tschukotka, Baschkirien, Region Krasnodar, Oblast Kaliningrad, Oblast Moskau) auf kommunaler Ebene Verbotsgesetze, die „homosexuelle Propaganda“ in der Öffentlichkeit unmöglich machen sollen.

Ein Gesetzentwurf für das ganze Land, der angeblich Kinder und Jugendliche schützen soll, wurde bereits in der Staatsduma vorgelegt. Er soll im Herbst 2013 in Kraft treten.


II. was besagt das gesetz?

Das Gesetz verbietet jede Aufklärung über Homo-, Bi- und Transsexualität. Sie wird im Gegenteil mit Geldstrafen geahndet. Jede Form der öffentlichen Äußerung ist verboten, dazu gehören Versammlungsorte, Publikationen, Auftritte, Umzüge, öffentliches zur Schau stellen wie Hände halten und küssen.

Menschenrechtler und Aktivisten von Schwulen- und Lesbenbewegungen warnen, dass mit dem Gesetz unter anderem die Aids-Vorsorge erschwert werde. Der menschenrechtspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Volker Beck, wirft Russland vor, sich mit der Regelung außerhalb des internationalen Rechts zu stellen.

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